Die Schlosskirche Zum heiligen Kreuz ist etwas ganz Besonderes. Von Markgräfin Sibylla Augusta (1675-1733) ab 1720 erbaut, blieb die Kirche in ihrer Innenausstattung über 280 Jahre fast unverändert erhalten. Die außergewöhnliche, vielfältige und kostbare Ausstattung der Barockzeit ist noch immer vorhanden, und dazu zählen in erster Linie die originalen Textilien des Wandschmucks!
Der Rastatter Kirchenbau begann eigentlich in Rom. Markgräfin Sibylla Augusta war seit 1707, dem Tod des Markgrafen, Regentin der Markgrafschaft Baden-Baden. 1719 unternahm die streng gläubige Katholikin eine Pilgerreise nach Rom, bei der sie eine Reihe kostbarer Reliquien erwarb. Ihre römischen Eindrücke beeinflussten Sibylla Augusta bei ihrem Projekt, eine Kirche für ihre Residenz Rastatt zu bauen, von Anfang an.
Zunächst ließ Sibylla Augusta eine „Heilige Stiege“ zwischen der geplanten Schlosskirche und ihrem Wohnappartement errichten. Das war nicht nur eine einfache Treppe: Es war die Kopie der Scala Santa aus dem päpstlichen Lateranpalast in Rom. Diese Treppe gehörte der christlichen Legende nach zum Richthaus des Pontius Pilatus und war angeblich von Jerusalem nach Rom versetzt worden. Sibylla Augusta handelte nach den üblichen Vorstellungen eines frommen Bauherrn der Barockzeit: Man versuchte, Kopien heiliger Stätten in die heimatliche Umgebung zu integrieren. Sibylla Augustas Heilige Stiege führt zu einer kleineren Kapelle mit einer Kammer, in der sie ihren aus Rom mitgebrachten Reliquienschatz aufbewahrte.
Nach Fertigstellung der Heiligen Stiege und des Reliquienraumes begann im Jahr 1720 der Bau der Schlosskirche, die direkt daneben lag. Sibylla Augusta hatte den Rastatter Hofarchitekten Michael Ludwig Rohrer (1683-1732) mit der Planung beauftragt und Franz Pfleger (Lebensdaten nicht bekannt) die Innengestaltung übertragen. Hofarchitekt und Künstler waren dem Hof eng verbunden – Pfleger arbeitete zu selben Zeit an Sibylla Augustas Porzellanschloss Favorite in Rastatt-Förch. Außerdem stammten beide aus der Heimat der Markgräfin, die im böhmischen Schloss Schlackenwerth aufgewachsen war. Die Schlosskirche weist also eine besondere böhmischen Prägung in Architektur und Ausstattung auf.
Der Bau selbst wurde in erstaunlich kurzer Zeit fertig gestellt. Bereits 1723 konnte Sibylla Augustas geistlicher Vertrauter, Kardinal Damian Hugo von Schönborn (1676-1743), die neue Schlosskirche weihen.
Das Innere der Kirche wird ganz von dem mächtigen barocken Hochaltar beherrscht, der sich hoch über einem Podest im Chor erhebt. Das Zentrum des Hochaltars nimmt ein fast lebensgroßes, versilbertes Kruzifix ein. Auf das „Heilige Kreuz“ bezieht sich auch das Deckengemälde, das den gesamten Kirchenraum überspannt. Es zeigt die Wiederentdeckung des Kreuzes Christi durch die Heilige Helena (257-336), die ihren Sohn, Kaiser Konstantin den Großen, zum Christentum hingelenkt haben soll. Die Heilige im Deckengemälde trägt die Gesichtszüge und die Witwentracht Sibylla Augustas, die sich an prominenter Stelle als Helenas Nachfolgerin im Glauben bekennt.
Einzigartig sind die raffinierten Schmuckverkleidungen im Inneren des Kirchenraums. Franz Pfleger ließ die Wandpfeiler mit kostbaren, reich bestickten Seidenstoffen beziehen. Sie tragen entscheidend zum Gesamteindruck des Kirchenraumes bei: Er vermittelt eine Vorstellung vom ursprünglich mystischen Charakter der Schlosskirche und zeugt von der tiefen Religiosität der Markgräfin, die sich zu dem Grabspruch „Bettet für die arme Sünderin“ unter einer Bodenplatte am Eingang beisetzen ließ.
Die Rastatter Schlosskirche wurde im Lauf der Jahrhunderte nur wenig verändert. Ihre originale Ausstattung macht sie zu einem einzigartigen Kunst- und Kulturdenkmal. Im Jahr 2006 hat die mit Sicherheit langwierige Restaurierung von Kirche und Ausstattung begonnen.