Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden starb am 4. Januar 1707 an den Folgen einer Schussverletzung. Bei der Testamentseröffnung stellte sich heraus, dass er seine Gemahlin, Markgräfin Sibylla Augusta, zur „Oberlandesregentin“ der Markgrafschaft Baden bestimmt hatte. Als „Mitvormünder“ der minderjährigen Kinder hatte er Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz und Herzog Leopold Josef von Lothringen eingesetzt – politisch bedeutende Fürsten mit guten Verbindungen zum Hof des Kaisers und zum Hof des französischen Königs.
Die 32-jährige Markgräfin besaß keinerlei politische Erfahrung und übernahm mitten im Krieg die Regierungsgeschäfte für ihren Sohn Ludwig Georg. Um so erstaunlicher war ihr Auftreten in dieser Situation: Von ihrem Herrscheramt überzeugt, kämpfte sie dafür, dass die Mitvormünder nicht mitregierten, sondern sie die alleinige Verantwortung trug. Das Testament des Markgrafen, das ein kurz gefasstes Regierungsprogramm enthielt, stattete die neue Oberlandesregentin mit allen Vollmachten aus. Sie übernahm die Regierungs- und Verwaltungsinstitutionen und konnte sich auf erfahrene Minister und Hofbeamte stützen.
Hinzu kamen ihre Willensstärke, ihr persönliches Engagement und ihr Reichtum aus den böhmischen Besitzungen. Während der französischen Besatzung Rastatts, die am 23. Mai 1707 begann, flüchtete Sibylla Augusta mit ihren Kindern in das nahegelegene Ettlingen und nicht in die böhmische Heimat, um in ihrem Land präsent zu bleiben. Erst mit dem Friedensschluss von Rastatt 1714 konnte sich die Regentin dem Ziel widmen, die hoch verschuldete und zerstörte Markgrafschaft Baden zu konsolidieren. Dafür setzte Sibylla Augusta großzügig die Einkünfte aus ihren böhmischen Gütern ein und förderte mit Privilegien und Steuervorteilen den Wiederaufbau Rastatts.
Markgräfin Sibylla Augusta erwies sich 20 Jahre lang als kluge Politikerin, selbstbewusste Diplomatin und umsichtige Verwalterin ihres Erbes. Wichtige Zeitgenossen bescheinigten ihr „staatspolitische Fähigkeiten“.
Kardinal von Schönborn schrieb: „Sie sind selbst eine so gescheite und penetrante Fürstin (als penetrant galten zu der Zeit diejenigen, die mit ihrem scharfen Geiste alles durchdringen), dass nur ein paar Worte ihnen genug sind, so machen sie alles besser als der penetranteste Staatsmann und Minister. Wie denn alles, was sie in dieser Sache getan, wahrhafftig höchst erleucht und so getan, dass es der klügste Regent nicht besser tun kann.“
Oder: „Wenn ich die gescheite Frau nicht vor mir gehabt hätte, so mit einem Wort Information alles meisterhaft vollzogen und nebst ihrer Klugheit wahrhafftig eine männliche Festigkeit und Generosität bezeigte, so wäre es fast unmöglich gewesen alle Intrigen zu überwinden.“
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