Kurzfassung:
Mit kaum 15 Jahren heiratete Sibylla Augusta, eine geborene Prinzessin von Sachsen-Lauenburg, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655-1707). Sie brachte große böhmische Besitzungen mit in die Ehe und ermöglichte durch ihren Reichtum den Bau des repräsentativen Rastatter Schlosses. Bereits 1707 verwitwet, regierte sie die folgenden zwanzig Jahre äußerst umsichtig für ihren unmündigen Sohn, den Erbprinzen Ludwig Georg Simpert. Mit großem Geschick stand sie in engem diplomatischem Kontakt mit den Großen der Zeit.
Eine kleine Sommerresidenz, das Lustschloss Favorite in Rastatt-Förch, ließ sich die kunstsinnige Markgräfin nach ihren Vorstellungen unter der Leitung des Architekten Johann Michael Ludwig Rohrer ab 1710 errichten. Das Schloss ist bis heute ein mit kostbaren Details ausgestattetes Gehäuse für ihre Sammlungen. Außerdem ließ sie die Schlosskirche in einem Seitenflügel der Rastatter Residenz bauen, auch dieses Projekt durchdacht bis ins letzte Detail. Die Kunstsammlungen der Sibylla Augusta waren bedeutend und bei ihren Zeitgenossen berühmt.
Ausführlichere Version:
Geboren wurde Franziska Sibylla Augusta am 21.1.1675 in Ratzeburg als Tochter des Herzogs Julius Franz von Sachsen-Lauenburg und der Maria Hedwig Augusta von Pfalz-Sulzbach. Zusammen mit ihrer Schwester Anna Maria Franziska (1672-1741) galt sie als eine der interessantesten Heiratskandidatinnen des Reiches.
Ihr Großvater, Herzog Julius Heinrich von Sachsen-Lauenburg, hatte während des Dreißigjährigen Krieges ausgedehnte Herrschaften erworben, die sich vor allem in Böhmen befanden. Darunter war auch das nördlich von Karlsbad gelegene Schloss Schlackenwerth mit seinem berühmten „Garten der hundert Brunnen“. Dort wuchs Sibylla Augusta auf.
Eigentlich hätte Sibylla Augusta mit Prinz Eugen von Savoyen-Carignan (1663-1736), dem anderen erfolgreichen Türkensieger neben Ludwig Wilhelm, vermählt werden sollen. Ludwig Wilhelm von Baden-Baden war die ältere Schwester Sibylla Augustas zugedacht. Dass Sibylla Augusta und Ludwig Wilhelm ein Paar wurden, deutet auf eine persönliche Entscheidung der beiden hin. Das war in dieser Zeit, in der unter politischen, dynastischen oder finanziellen Überlegungen geheiratet wurde, nicht üblich.
Nach der Hochzeit 1690 residierten Sibylla Augusta und Ludwig Wilhelm zunächst in Schlackenwerth, da die badische Markgrafschaft seit 1689 durch französische Truppen verwüstet war. Nachdem Ludwig Wilhelm 1693 das Kommando über die Truppen am Oberrhein gegen Ludwig XIV. übernommen hatte, wechselten die Aufenthaltsorte des Paares ständig. Erst 1705 bezogen sie die neu erbaute Residenz in Rastatt.
In den Jahren 1694 bis 1706 gebar Sibylla Augusta in kurzer Folge neun Kinder. Nur drei von ihnen überlebten das Kindesalter.
Nach dem Tod des Markgrafen 1707 übernahm Sibylla Augusta mit 32 Jahren mitten im Krieg die Regierungsgeschäfte, stellvertretend für den erst vierjährigen Erbprinzen Ludwig Georg Simpert. Damit beginnt ihr Bild Konturen zu gewinnen. In kriegerischen und schwierigen Zeiten die Regentschaft anzutreten, erforderte in hohem Masse politisches Geschick und Tatkraft. Sibylla Augusta erwies sich als kluge Politikerin, selbstbewusste Diplomatin und umsichtige Verwalterin ihres Erbes. Unterstützung erhielt sie von Herzog Leopold von Lothringen und dem Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz sowie von dem Präsidenten der baden-badischen Hofkammer, Hofrat Karl Ferdinand von Plittersdorf. In späteren Jahren war Kardinal Damian Hugo von Schönborn, Fürstbischof von Speyer, einer ihrer engsten Vertrauten.
Während der französischen Besatzung Rastatts, die am 23. Mai 1707 begann, flüchtete sie mit ihren Kindern in das nahe gelegene Ettlingen und nicht in die böhmische Heimat, um in ihrem Land präsent zu bleiben. Nach Rastatt zurückkehren konnte sie erst nach dem Ende des spanischen Erbfolgekrieges 1714.
Die Markgrafschaft befand sich nach zwei kurz aufeinander folgenden Kriegen hoch verschuldet in einem katastrophalen Zustand. Für den Wiederaufbau setzte Sibylla Augusta auch Einkünfte aus ihren böhmischen Gütern ein und förderte mit Privilegien und Steuervorteilen den Wiederaufbau Rastatts.
Sibylla Augusta kennzeichnet eine vielseitige Bildung und eine große Vorliebe für die bildenden Künste. Sie förderte Schulen und Bildungseinrichtungen, widmete sich dem Bauwesen und legte umfangreiche Sammlungen an. Schon an Ludwig Wilhelms Seite hatte sie an der Neugestaltung der böhmischen Residenz Schlackenwerth und dem Bau des Residenzschloss Rastatt mitgewirkt. Bald nach Antritt der Regentschaft setzte ihre eigene Bautätigkeit ein. 1710 wurde ihr erstes großes Bauwerk, die Einsiedelner Kapelle in Schlackenwerth, geweiht. Als weiteres großes Bauwerk folgte das Schloss Favorite bei Rastatt. Nach ihrer Rückkehr nach Rastatt begann sie die zerstörte Stadt wieder aufzubauen und betrieb den Ausbau des Residenzschlosses, indem sie die Schlosskirche mit Pfarrhaus, zwei Kapellen und einen Gartenpavillon errichten ließ.
Im Leben Sibylla Augustas spielte die Religion eine zentrale Rolle. Sie folgte streng dem katholischen Glauben und unterzog sich häufigen Wallfahrten und harten Bußen. Ihre eigene Frömmigkeit war von Demut geprägt: In religiösen Dingen wollte sie nicht als Landesfürstin, sondern „als ein gemeines armes Bettelweib“ behandelt werden. Diese Demut veranlasste sie auch zu der Inschrift auf ihrem Grabstein in der Schlosskirche: „Betet für die große Sünderin Augusta“. Wenig Verständnis brachte sie dem Protestantismus entgegen, was auch ihre protestantischen Untertanen betraf.
1727 übergab sie nach zwanzig Jahren die Regentschaft ihrem Sohn Ludwig Georg. Sie zog sich auf das Ettlinger Schloss, ihren Witwensitz, zurück. Dort starb sie am 10. Juli 1733.
Markgräfin Sibylla Augusta erwies sich 20 Jahre lang als kluge Politikerin, selbstbewusste Diplomatin und umsichtige Verwalterin ihres Erbes. Wichtige Zeitgenossen bescheinigten ihr „staatspolitische Fähigkeiten“. Einer von diesen war der Kardinal von Schönborn. Er schrieb:
„Sie sind selbst eine so gescheite und penetrante* Fürstin, dass nur ein paar Worte ihnen genug sind, so machen sie alles besser als der penetranteste Staatsmann und Minister. Wie denn alles, was sie in dieser Sache getan, wahrhafftig höchst erleucht und so getan, dass es der klügste Regent nicht besser tun kann.“ Oder: „Wenn ich die gescheite Frau nicht vor mir gehabt hätte, so mit einem Wort Information alles meisterhaft vollzogen und nebst ihrer Klugheit wahrhafftig eine männliche Festigkeit und Generosität bezeigte, so wäre es fast unmöglich gewesen alle Intrigen zu überwinden.“
* Penetrant: „diejenigen, die mit ihrem scharfen und subtilen Geiste alles durchdringen“ (Zedlers Universallexikon, ein zeitgenössische Enzyklopädie)